Entwicklungsjournal
Warum Lust gutes Design verdient
4 Minuten Lesedauer Götterbohne Studio
Über die Gestaltung persönlicher Alltagsobjekte und darüber, warum Diskretion und Sichtbarkeit sich nicht ausschließen müssen.
Du triffst jeden Tag Entscheidungen über Form. Welcher Stuhl, welche Lampe, welcher Türgriff. Meistens unbewusst, aber selten zufällig. Irgendwann hast du dich darauf festgelegt, dass die Dinge um dich herum eine Haltung haben dürfen.
Bei den meisten Menschen endet dieser Anspruch an einer bestimmten Tür. Nicht, weil er dort weniger gilt. Sondern aus Gewohnheit.
Ein persönliches Objekt ist auch nur ein Objekt
Ein Gegenstand, der dir nahekommt, ist eine Gestaltungsaufgabe wie jede andere. Er hat eine Silhouette. Er hat ein Gewicht. Er liegt in der Hand oder eben nicht. Er hat eine Oberfläche, die sich nach etwas anfühlt, und eine Farbe, die im Tageslicht anders wirkt als am Abend.
Das sind Fragen, die für Leuchten, Lautsprecher und Wasserhähne seit Jahrzehnten gestellt werden. Es gibt keinen sachlichen Grund, sie ausgerechnet bei den Objekten wegzulassen, die dir am nächsten sind. Eher das Gegenteil. Je persönlicher ein Gegenstand ist, desto mehr Aufmerksamkeit verdient seine Form.
Genau da fängt Götterbohne an. Nicht bei einer Botschaft, sondern bei einem Radius.
Diskretion ist kein Versteck
Diskretion wird oft mit Tarnung verwechselt. Gemeint ist dann: ein Ding, das aussieht wie nichts. Etwas, das in der untersten Schublade lebt und dort bleibt, bis Besuch wieder gegangen ist.
Wir verstehen Diskretion anders. Diskret ist ein Objekt, das nicht erklärt, was es ist. Nicht, weil es sich schämt, sondern weil es das nicht nötig hat. Eine Form, die auf einem Regal keine Szene macht und trotzdem gut aussieht. Kein Rätsel, keine Ansage. Ein Gegenstand.
Der Unterschied ist klein und entscheidend. Tarnung nimmt dir eine Entscheidung ab. Diskretion gibt sie dir zurück. Du legst das Objekt dorthin, wo du es haben willst – nicht dorthin, wo es niemand sieht.
Manche Leute werden es trotzdem in die Schublade legen. Das ist völlig in Ordnung. Der Punkt ist, dass die Schublade eine Wahl bleibt und keine Vorschrift.
Selbstverständlichkeit als Gestaltungsziel
Es gibt einen Zustand, den gutes Design erreichen kann: Man denkt nicht mehr darüber nach. Der Schalter sitzt dort, wo die Hand ohnehin hingeht. Das Objekt steht dort, wo es hingehört, und niemand im Raum hat dazu eine Meinung.
Diese Selbstverständlichkeit lässt sich nicht behaupten. Man kann sie nur bauen. Über Proportion, über Material, über die Frage, ob eine Oberfläche Fingerabdrücke sammelt. Über eine Ladelösung, die nicht nach Technik aussieht. Über eine Form, die auch dann noch stimmt, wenn sie einfach nur daliegt und nichts tut.
Das erste Produkt trägt den Namen der Marke: die Götterbohne, ein skulpturales Objekt mit organischer, bohnenförmiger Silhouette. Weiche Übergänge, keine harten Kanten, keine Beschriftung. Dazu Götterhof, die Schale zum Laden und Aufbewahren – Zinkdruckguss, kontaktloses Laden. Konstruiert ist beides; gebaut wird gerade.
Für wen wir entwerfen
Lust hat kein Geschlecht, keine Orientierung und keine vorgeschriebene Beziehungsform. Ein Objekt, das das ernst nimmt, sieht anders aus als eines, das sich an eine Zielgruppe im Singular richtet.
Praktisch heißt das: keine Farbcodes, die dir sagen, für wen das hier gedacht ist. Keine Form, die eine bestimmte Anatomie voraussetzt. Keine Sprache, die davon ausgeht, dass du zu zweit bist – oder dass du es nicht bist.
Wir entwerfen für Menschen, die allein leben und für Menschen, die das nicht tun. Für Menschen, die etwas zusammen benutzen, und für Menschen, die es lieber für sich behalten. Das ist keine Haltung, die wir uns mühsam abringen. Es ist einfach die realistischere Ausgangslage.
Inklusives Design ist an dieser Stelle auch die schlichtere Aufgabe. Man muss weniger annehmen und kann sich stattdessen auf die Form konzentrieren.
Kein Statement, ein Entwurf
Wir haben nicht vor, irgendetwas zu provozieren. Provokation ist anstrengend, laut und meistens kurzlebig. Sie erzeugt Aufmerksamkeit für ein Thema und nicht für ein Objekt.
Götterbohne ist kein Statement über Sexualität. Wir haben dazu nichts zu erklären, was du nicht selbst schon geklärt hättest. Wir sind ein Designansatz: Wir nehmen eine Objektkategorie ernst und behandeln sie mit derselben Sorgfalt, die andere Gegenstände in deinem Zuhause längst bekommen.
Das klingt unspektakulär. Das ist es auch. Gutes Design ist selten spektakulär, wenn man es benutzt. Es fällt vor allem dann auf, wenn es fehlt.
Was das für dich heißt
Du musst dich nicht entscheiden zwischen einem Objekt, das funktioniert, und einem, das du ansehen magst. Das war nie ein echter Zielkonflikt, sondern eine Gewohnheit.
Wir sind im Prelaunch. Die Konstruktion steht, die Prototypen laufen, und es gibt trotzdem noch eine ziemlich lange Liste an Details, über die wir diskutieren. Wenn sich etwas ändert, schreiben wir es hier auf – der Shop ist in Vorbereitung.
Bis dahin bleibt es bei einem Satz.
Lust darf gut aussehen. Mehr Programm brauchen wir nicht.